Neue Versorgung

01.04.2019

Jedes vierte Kind im Südwesten von psychischen Störungen betroffen
Neue Versorgung für psychisch kranke Kinder und Jugendliche

Auch Kinder und Jugendliche leiden vielfach bereits an psychischen Störungen und Verhaltensstörungen. Zu den psychischen Störungen, die im Kindes- und Jugendalter auftreten, zählen Depressionen, Angstzustände, Sozialverhaltensstörungen oder Schizophrenie. Laut einer Analyse des Projekts „Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in Deutschland“ unter der Leitung von Prof. Dr. Jörg Fegert (Universitätsklinikum Ulm) beginnt fast die Hälfte der psychischen Erkrankungen bereits in der Pubertät, bei 75 von 100 psychischen Störungen liegt der Krankheitsbeginn vor dem 25. Lebensjahr. Um die Betreuung und Versorgung in diesem lebensprägenden Zeitraum zu verbessern, hat die AOK Baden-Württemberg zusammen mit MEDI Baden-Württemberg und der Interessengemeinschaft der Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (IG KJPP) den Versorgungsvertrag Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie (PNP-Vertrag) um das Modul „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ multidisziplinär erweitert. „Wir wollen es gemeinsam schaffen, seelisch belasteten jungen Menschen und ihren Familien gezielt besser zu helfen. Damit dies gelingt, haben wir mit unseren Ärztepartnern die Voraussetzungen für schnellere und umfassendere individuelle Behandlungsstrukturen nach aktuellem Stand der Wissenschaft geschaffen“, sagt Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. Die Versorgung mit dem neuen Modul startet am 1. April 2019.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erleben 10 bis 20 von 100 Kindern und Jugendlichen mentale Störungen. Weil jeder junge Mensch das Recht auf körperliches und seelisches Wohlergehen hat, fordern WHO und Robert Koch-Institut, die psychische Widerstandskraft und deren Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen zu stärken sowie die Risiken zu minimieren. Dafür sind eine psychosoziale und damit ganzheitlich ausgerichtete Beratung und Versorgung erkrankter Kinder und Jugendlicher wichtig. Deshalb haben sich Hausärzte, Pädiater, Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychiater mit der AOK Baden-Württemberg darauf geeinigt, die seelische Gesundheit im Sinne des biopsychosozialen Modells zu fördern und die multidisziplinäre Versorgung zu einem alltagsnahen Hilfenetz zusammengeführt.

„Bei psychiatrischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter fehlt es uns im ambulanten Bereich seit Jahren an ausreichend Zeit für die notwendige multidimensionale Diagnostik und Therapie. Hier setzt der Vertrag neue Maßstäbe in der Versorgung. Uns steht mehr Zeit für die Therapie der Kinder und Jugendlichen zur Verfügung. Wir können verstärkt auch sozialpsychiatrische Fachkräfte einbeziehen. Zudem werden wichtige Schnittstellen erstmals systematisch berücksichtigt, beispielweise das Entlassmanagement aus Kliniken und der strukturierte Übergang in die Erwachsenenmedizin”, sagt Raymond Fojkar von der IG KJPP. Teil dieses Netzes sind auch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen des Sozialen Dienstes der AOK, die den Betroffenen und ihren Familien vertraulich und vertrauensvoll mit Rat und Tat zur Seite stehen. Hinzu kommen zudem niedrigschwellige unterstützende Online-Angebote wie beispielsweise Moodgym oder der ADHS-Elterntrainer.

Wichtig für eine umfassende und rasche Hilfestellung ist auch, dass die jungen Betroffenen keine Scheu haben, einen Arzt aufzusuchen. Der wiederum benötigt ausreichend Zeit, um die Ursachen zu ergründen und zu beraten, welche Hilfsmöglichkeiten individuell optimal unterstützen können. „Das Modul fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Haus- bzw. Kinderärzten und Fachärzten. Es gewährleistet beispielsweise eine bessere persönliche Erreichbarkeit des Kinder- und Jugendpsychiaters“, ergänzt Dr. Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg.

Auswertungen der AOK Baden-Württemberg zeigen die Bedeutung dieser neuen Behandlungsstrukturen für die Betroffenen und ihre Familien: Ärztlich festgestellte F-Diagnosen, die psychische und Verhaltensstörungen umfassen, treten im Südwesten bei 28 von 100 7- bis 13-Jährigen auf und bei 23 von 100 Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Jungen sind davon häufiger betroffen als Mädchen. Damit gehören diese Krankheitsbilder insgesamt zu den häufigsten Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.

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Bildunterschrift:

Zufriedene Partner nach Unterzeichnung der Ergänzungs- und Änderungsvereinbarung zum PNP-Vertrag i.Z.m. der Erweiterung um das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie 

(v.l.n.r.) Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg; Raymond Fojkar, Vertreter der Interessengemeinschaft niedergelassener Ärztinnen und Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Baden Württemberg (IG KJPP);  Dipl. Soz.-Päd. Michaela Willhauck-Fojkar, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung e.V. der Landesgruppe Baden-Württemberg (DPtV); Dr. Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und MEDI GENO Deutschland; Frank Hofmann,  Vorstand der MEDIVERBUND AG.

Foto: Thomas Kienzle 

Informationen für Journalisten

Die Gründe, warum sich junge Betroffene an einen Arzt wenden, können höchst unterschiedlich sein. So kann eine Depression beispielsweise durch Liebeskummer ausgelöst werden. Ein Jugendlicher in dieser Situation benötigt eine ganz andere Versorgung als ein junger Patient mit Schizophrenie, der versucht, die Stimmen in seinem Kopf mit Rauschmitteln auszuschalten. Denn dies führt zu weiteren seelischen Erkrankungen und verstärkt womöglich die Beschwerden. Für diesen Patienten ist es besonders wichtig, frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Durch eine sorgfältige ärztliche Diagnostik besteht auch die Möglichkeit zu heilen und die psychosozialen Belastungen zu mindern. Dazu bedarf es individueller Lösungswege und Maßnahmen oft in gemeinsamer Abstimmung zwischen Ärzten, Psychotherapeuten, den Angehörigen, Sozialpädagogen und weiteren an der Therapie Beteiligten.

Die teilnehmenden Fachärzte bzw. Psychiater erhalten eine besondere Honorierung für eine umfassende und schnelle Hilfestellung nicht nur in ihren Praxen, sondern auch vor Ort im eigenen Lebensbereich der Betroffenen („Behandlungsansatz Lebensumfeld“, BALU). Das ermöglicht eine Therapie im Alltag der Kinder und Jugendlichen, also zum Beispiel in der Familie oder in der Schule, was die Versorgung entscheidend verbessert. Sie kann von Ärztinnen und Ärzten sowie von Experten mit sozialpsychiatrischer Qualifikation (Heilpädagogen, Psychologen oder Sozialpädagogen) geleistet werden. Zudem werden Eltern und Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen einbezogen: Sie werden über die Erkrankung und die erforderliche Therapie informiert sowie zu möglichen (Selbst-)Hilfestrategien beraten. Das kann dazu beitragen, dass zum Beispiel bei einem schizophrenen Jugendlichen unnötig lange und wiederholte Klinikaufenthalte verringert werden und die Teilhabe am Leben gefördert werden kann. Wird er durch eine gute Beratung und Behandlung gesundheitlich unterstützt, kann er möglicherweise eine Berufsausbildung abschließen, was seine Selbstständigkeit und sein Selbstvertrauen entscheidend fördern kann.

Gerade psychisch kranke Kinder und Jugendliche benötigen langfristige und/oder wiederholte fachspezifische Betreuung. Vor allem der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie belastet häufig die Behandlung. Das Modul ermöglicht deshalb auch einen strukturierten Übergang in die Erwachsenenmedizin (Transition). So ist eine Behandlung beim Kinder- und Jugendpsychiater bis zum vollendeten 21. Lebensjahr möglich, in Einzelfällen sogar bis zum vollendeten 25. Lebensjahr. In dieser Übergangszeit ist es notwendig, dass sich alle an der Versorgung beteiligten Ärzte und Therapeuten eng miteinander abstimmen. Zudem sollte die Versorgung auch Reha-Maßnahmen und Unterstützung mit Blick auf die berufliche Ausbildung beinhalten.

Vorteile des Moduls Kinder- und Jugendpsychiatrie

· Ausreichend Zeit für die multidimensionale Diagnostik und Therapie.

· Es können verstärkt sozialpsychiatrische Mitarbeiter für eine gründliche Diagnose und delegierbare Leistungen herangezogen werden (z.B. Elternabende oder Elterngruppen).

· Strukturierte Befundberichte des Kinder- und Jugendpsychiaters an den Haus- oder Kinder- und Jugendarzt mit Empfehlungen innerhalb von 14 Tagen.

· Unmittelbarer Befundbericht bzw. aktualisierter Medikationsplan vom Facharzt für den Haus- oder Kinder- und Jugendarzt bei Neueinstellung bzw. Therapieumstellung.

· Förderung von Gruppentherapie.

· Förderung von Collaborative Care, d. h. multidisziplinär psychosozial ausgerichteter Versorgung.

· Zugang zu altersgerechten Gesundheitsangeboten der Bewegung, Ernährung, Stressreduktion durch die AOK Baden-Württemberg sowie ein erleichterter und schnellerer Zugang zu Rehabilitationsmaßnahmen.

· Kooperation beim Krankenhaus-Entlassmanagement.

Vertragspartner

· AOK Baden-Württemberg

· MEDI Baden-Württemberg

· MEDIVERBUND AG

· „Interessengemeinschaft niedergelassener Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Baden-Württemberg“ (IG KJPP)

· Berufsverband Deutscher Nervenärzte Landesverband Baden-Württemberg der Fachärzte für Nervenheilkunde, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie (BVDN)

· Freie Liste der Psychotherapeuten

· Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV)

 

Kontakt (Pressestellen)

AOK Baden-Württemberg – Telefon: 0711 2593-229

MEDI Baden-Württemberg – Telefon: 0711 806079-223


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